01.11.2020
Sollen im Herbst Obstbäume geschnitten werden?

Ein Streitthema besonderen Ausmaßes ist bei Gartlern stets die Frage nach dem besten Schnittzeitpunkt. Hier kann das Gespräch mitunter sogar laut werden. Und ein jeder, der mitdiskutiert, meint, durch Beispiele aus dem eigenen Erfahrungsschatz seine Ansicht untermauern und unanfechtbar machen zu können.

Hier sei zunächst einmal gesagt: Die Natur verzeiht viel. Und so kann es sein, dass die Obstgehölze von Gärtnern, die ihre Bäume zu den für die Pflanze denkbar ungünstigsten Zeitpunkten schneiden, dennoch recht gut gedeihen. Ein Schnitt zum falschen Zeitpunkt kann aber in manchen Gegenden, in manchen Jahren und bei manchen Obstarten zu schwächerem Wachstum, und/oder verstärktem Befall mit Schaderregern führen. Man kann auch umgekehrt sagen: Nur, weil der Baum zu einem für ihn ungünstigen Zeitpunkt geschnitten wurde und er trotzdem gut gedeiht, heißt es nicht, dass der gewählte Schnittzeitpunkt optimal war. Mitunter hat er es einfach schadlos verkraftet.
Nun aber zum Kern der Frage: Kurz gesagt, der späte Herbst und frühe Winter sind stets die für die Pflanze schlechtesten Zeitpunkte für einen Rückschnitt. Das ist einfach zu erklären:
Wird die Pflanze verletzt, versucht sie dei Gefahren, die vom entstandenen Schaden ausgehen, zu minimieren: Zunächst sterben im Wundbereich einige Zellen ab. Als Sofortmaßnahme bildet die Pflanze im unmittelbaren Wundbereich Stoffe, die gegen eindringende Mikroorganismen wie Bakterien und Pilze gerichtet sind. Je schneller sie dazu in der Lage ist und je wirksamer die gebildeten Abwehrstoffe sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass Schaderreger nicht tief in die Pflanze eindringen können. Zudem blockiert sie Leitungsbahnen, die vom verletzten Gewebe ins gesunde führen, bestmöglich. Dann beginnt sie, die Wunde durch Zellteilung zu schließen. Im späten Herbst und Winter ist der Stoffwechsel der Pflanze sehr stark reduziert. Das bedeutet, dass die Wunden, die der Pflanze durch Schnitt zugefügt werden, nicht hinreichend schnell geschützt werden können. Deshalb ist es nicht ratsam, jetzt im Herbst oder im frühen Winter Gehölze zu schneiden. Schneiden Sie lieber erst im März oder April, dann kann sich die Pflanze an den entstandenen Wunden wirksamer vor eindringenden Schaderregern schützen.

Schnitt
Schnitt

Wer nun argumentiert, im Winter würde ja auch der Stoffwechsel der Schaderreger, die die Pflanze infizieren können, aufgrund der niedrigen Temperaturen verlangsamt und damit auch eine Infektion, dem sei hinsichtlich mancher Mikroorganismen Recht gegeben. Andere, sehr bedeutende Krankheitserreger wie der Pilz, der den Obstbaumkrebs (s. nebenstehendes Bild) verursacht, oder das Bakterium, das entscheidend für das Steinobststerben verantwortlich ist, können aber gerade bei niedrigen Temperaturen zwischen 4 und 9 °C gut wachsen. Und diese Temperaturen haben wir im Herbst und Winter sehr häufig.
Lassen Sie ihre Schere also bis März im Schrank! Und wenn Sie in den Obstanbaugebieten schon im tiefen Winter Bauern beim Schnitt ihrer Obstanlagen sehen, liegt das nur daran, dass sie mehr als einen Garten voller Obstbäume haben und nicht mehr fertig würden, begännen sie erst im März mit dem Baumschnitt.

Krebswunde bei einem Apfelbaum
Krebswunde bei einem Apfelbaum

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